Kipppunkte

Kipppunkte

Jede Fesselsession hat eine Vorgeschichte. Oft komme ich von der Arbeit, bin angespannt und habe den ganzen Tag überwacht, kontrolliert und Dinge im Griff gehabt.

Ich komme herein, wir begrüßen uns. Smalltalk, will ich was trinken? Nein, ich bin viel zu nervös. Irgendwann fällt mir keine Ausrede mehr ein, ich stehe auf und ziehe mich aus, und mit kedem Kleidungsstück, das ich ablege, schwindet meine Sicherheit.

Alles in mir schreit: bist Du wahnsinnig? Er wird Dir Deine Freiheit nehmen, Deine ganze Kontrolle, deine Sicherheit! Lauf, schnell, solange Du noch kannst!

Das ist der erste Kipppunkt. Ich brauche da viel Geduld mit diesen Anteilen in mir, sie wollen geachtet werden, gesehen und dann aus der Situation entlassen, denn es soll weitergehen.

Schließlich, irgendwann, sitze ich auf dem Boden, nackt, bereit. Derweil hast Du schon mit Seilen herumgekramt, dies und das vorbereitet – ich nehme es nur aus den Augenwinkeln wahr, derweil die Angst abflaut und ich wieder ruhiger atme.

Das erste Seil, ein Handgelenk. Ein letztes Mal bäumt sich die Angst auf, ich sehe sie, voll Liebe, lasse sie fließen, hey, ist schon OK.

Weitere Seile folgen in schnellem Rhythmus. Irgendwann realisiere ich: jetzt habe ich keine Chance mehr zu fliehen. Das ist der zweite Kipppunkt. Schlagartig schaltet in mir alles um auf loslassen, geschehen lassen, für alles bereit sein. Jetzt wird es keinen Widerstand mehr geben, alle Verantwortung liegt bei dem mit den Seilen..

Und dann, oft merke ich es kaum, kommt der dritte Kipppunkt: eine Art Trance, der erwachsene Verstand verabschiedet sich leise, ich bin nur noch Gefühl, es kommt was kommen soll. Ich verliere das Interesse an Zeit, Schmerzen und irgendwelchen Zielen.

Irgendwann ist es dann zu Ende, und ich finde widerwillig, oft völlig erschöpft, zurück Richtung Alltag, oft erschrecke ich dabei, wie viel Zeit vergangen ist oder überhaupt, was ich habe gerne mit mir machen lassen. Dann muss er da sein, der Seil-Mann, dann brauche ich Halt.

Wenn ich wieder angekommen bin – oft mag ich weiter nackt sein, weil es einfach so schön war, dann ist es Zeit für das Getränk, auch ein Bärenhunger mag sich einstellen.

Dann ist es irgendwann Zeit zu gehen. Das fällt mir meist schwer, zu intim war die Zeit, gleich ob kurz oder lang.

Ich gehe nach draußen und fahre davon, aber die Erinnerung, die bleibt.

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